Freunde aussortieren

Kontostand:                  -1010,34

Ausgaben:                     00,00

Einnahmen:                            00,00

Verwendungszweck:       –

 

Heute ist etwas passiert, das interessant und beängstigend zugleich war.

Ein alter Bekannter kam am frühen Nachmittag unvermittelt vorbei und schlug einen Abstecher in den Biergarten vor – um das schöne Wetter zu genießen.

Ich unterhalte mich ganz gerne mit Harald, allerdings darf man das, was er immer so erzählt nicht so ganz ernst nehmen. Seit einiger Zeit versucht er, Unternehmer zu werden. Das fing damit an, dass er sich übers Internet Kataloge von chinesischen Firmen besorgte: Hier wird alles angeboten, von Mountainbikes über Katzennierendeckchen bis hin zu Mini-Leselupen mit Licht. In einer entsprechenden Menge bestellt sind die Dinge sogar vergleichsweise billig. Eine entsprechende Menge kann schon mal 10 000 Stück sein.

Bezüglich seiner Geschäftsideen ist Harald eher intuitiv – d.h. er entscheidet vollkommen ohne Marktkenntnis oder Vorwissen, welche Waren ihm gefallen, und die importiert er dann in großen Stückzahlen, um sie in Deutschland zu verkaufen.

Leider liegt er mit seinen Intuitionen oft falsch: Sein erster Versuch war es, chinesische Freisprechanlagen für Handys zu verkaufen. Die Dinge wurden einfach ans Autoradio, bzw. ans Handy angesteckt und schon konnte man über die Autolautsprecher das Handygespräch empfangen. Leider sendete das Gerät so stark, dass das Handygespräch auch im Auto vor einem empfangen werden konnte.

Als Harald die Freisprechanlagen bei einem Internetauktionshaus verkaufen wollte, wurde eine Regulierungsbehörde aufmerksam und bestellte undercover ein Probeexemplar. Es stellte sich heraus, dass Harald illegale Radiosender mit einer Reichweite von ca. 20m verkaufte.

Fazit: Geldstrafe von 10 000 Euro.

 

Haralds nächstes Projekt war es, Samuraischwerter zu importieren. Wieder hatte er den Katalog der chinesischen Firma aufgeschlagen, da waren ihm die Schwerter aufgefallen. Kurzerhand entschloss er sich, einen Container (5000 Stück) Samuraischwerter zu importieren.

Er bezahlte im Voraus und hörte zunächst einmal 3 Monate nichts mehr von der chinesischen Firma. Dann kam der Anruf, sein Container sei bereit zur Abholung. Im Hamburger Hafen. Panikartik organisierte Harald eine Spedition, die die Schwerter abholte und an einen Autobahnparkplatz in der nähe lieferte – der LKW-Fahrer lud die Schwerter aus und fuhr weg. Harald fuhr geschätzte 200 Mal zum Parkplatz (Autobahnausfahrt rauf – Parkplatz – nächste Autobahnausfahrt runter) und lagerte schließlich die Schwerter bei ihm zu Hause.

Als er versuchte, die Schwerter übers Internet zu verkaufen, wurde er darauf aufmerksam gemacht, dass es sich um Waffen handelt (Klinge geschliffen und spitz, Länge: 75 cm).

Harald hat immer noch eine Wohnung voll Schwerter und ist damit wohl einer der gefährlichsten Männer Deutschlands.

 

Harald hat jetzt grundsätzlich weniger Zeit, das wollte er mir bei diesem Treffen mitteilen, denn er verkehrt jetzt in anderen – gehobeneren, wie er sich ausdrückte – Kreisen. Er hat Leute kennen gelernt, die so denken wie er. Unternehmerisch. Die Visionen haben. Die reich sind. Die ihn unterstützen bei seinen Plänen.

Harald ist jetzt Schuhhändler. Er importiert italienische Markenschuhe aus – Thailand. Er will sie erst in unserem Ort verkaufen, dann in München, Frankfurt und Berlin und schließlich in der ganzen Welt. 5 Container sollen in 3 Monaten geliefert werden. Zahlung bereits erfolgt.

Ich äußerte vorsichtig Kritik: Was sagt der Zoll zu thailändischen Plagiaten italienischer Markenschuhe? Sind die Container versichert? Wo sollen die Schuhe gelagert werden (die Wohnung ist ja bereits besetzt)? Wie soll der Verkauf funktionieren? Hat Harald überhaupt genügend Zeit, sich mit dem Vertrieb zu beschäftigen? (Hierzu meinte er, er mache den Verkauf erst selbst, dann stelle er zehn Leute auf 400€-Basis ein, dann noch ein paar Vollzeitkräfte und schließlich brauche er nur noch all seine Läden abzuklappern und das Geld einzusammeln). Wie das Marketing? Wie sieht die Konkurrenz aus?

Harald hörte sich alles aufmerksam an, nickte dann bestätigend, trank sein Bier aus und nickte wieder. „Hab ich mir schon gedacht“, meinte er schließlich, „du bist so negativ, du ziehst mich nur runter.“ Er deutete der Bedienung, zahlte und stand auf. „Ich muss gehen. Ich treffe mich mit meinen Leuten. Das sind Leute, die mich inspirieren.“

Sprach’s und war verschwunden.

 

Später. Zu Hause.

 

Immer, wenn ich verstört bin vom plötzlichen Einbruch der Realität in mein Leben, bleibe ich bei meiner Routine. Und so ging ich nach Hause und arbeitete weiter an meinem Projekt 1 Million Euro. Ich las Der Weg zur finanziellen Freiheit – und stieß auf ein interessantes Kapitel, in dem Bodo Schäfer schreibt:

Es geht darum, als ganzer Mensch zu wachsen und zu der Persönlichkeit zu werden, die Erfolg magisch anzieht. Umgeben wir uns mit besseren Leuten, werden wir besser. Umgeben wir uns mit demotivierten Leuten, stagnieren wir. Wir brauchen Menschen um uns herum, von denen wir uns etwas abschauen können. Ich habe es mir darum zur Angewohnheit gemacht, jeden Monat mindestens eine neue, interessante und auf einem Gebiet erfolgreichere Person, als ich es bin, kennen zu lernen. (Schäfer, S. 158)

 

Bodo Schäfer empfiehlt, nur mit Leuten zusammen, die mich weiter bringen in meinem Vorhaben, bzw. die mich inspirieren. Außerdem müssen diese Leute mehr Geld haben als ich. Ratschläge darf ich nur von Leuten annehmen, die bereits dort sind, wo ich gerne sein möchte.

Bisherige Freunde muss ich aussortieren, sie haben mich nur bis dahin gebracht, wo ich jetzt bin – und nicht weiter. Freund, die negativ und kritisch sind, braucht man nicht.

Als ich das las, fühlte ich mich wie in der Twilight Zone: Realität und Fiktion wurden auf bizarre Weise zur Deckung gebracht.

Harald musste das gleiche Buch gelesen haben.

Allerdings war er tatsächlich dazu bereit, danach zu handeln. Ich nicht. Bodo Schäfers Empfehlung des Freunde-Aussortierens widerspricht meinem grundsätzlichen Humanismus: Freunde sind auch da, wenn es einem selbst (oder ihnen) schlecht geht. Und wenn ein Freund drauf und dran ist, etwas anzustellen, was meines Erachtens völliger Blödsinn ist, dann sehe ich es als meine freundschaftliche Pflicht an, ihn darauf aufmerksam zu machen.

Dies ist wohl der Grund, warum so viele Reiche unzufrieden sind: Sie sind zwar reich, haben aber vorher alle ihre Freunde aussortiert!

Fazit: Hier hat das reich werden eine Grenze, die ich nicht überschreiten will.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: