Spagat

Kontostand:                 -1620,26

Ausgaben:                    00,00

Einnahmen:                  00,00

Verwendungszweck:

Rechtzeitig vor dem Treffen ist das Paket mit den Ausstellungskatalogen gekommen.
Sehr schick: DIN A 5 Querformat.

Zum Treffen mit einem ortsansässigen Großspediteur nehme ich mit: Ausstellungskatalog, die Bilder Rost und Wasserhahn, ein Portfolio mit A4 Abzügen und eine Visitenkarte mit dem Artefish-Logo.
Auf der Fahrt: Walk von den Foo Fighters.

Die Empfangsdame lässt mich warten, sie telefoniert und hat lediglich Zeit, mir eine kurzen Seitenblick zuzuwerfen. Dann dreht sie sich auf ihrem Bürostuhl weg.
Es gibt nichts lässigeres, als an der Ecke zu stehen und auf nichts zu warten (James Dean), also Stelle ich meine Sachen neben eine künstlerischen aber geschmacklosen Beistelltisch und warte nicht.
Als die Dame endlich Zeit hat, mich zu registrieren, reiche ich ihr mit einem freundlichen aber maskulin gebrummten Guten Morgen meine Karte. Sie nimmt sie, lächelt dabei nicht, sonder erst, als sie meine Namen liest.
Puh, Eis gebrochen.
Gerade nochmal die Kurve gekriegt.

Ich darf gleich ins Büro und werde sogar gefragt, ob ich eine Kaffee will.

Haben sie Espresso?
Hat sie nicht.
Psychologische Kriegsführung: Frag im Flugzeug immer nach Ginger Ale – das haben die Stewardessen nie. Aus Verlegenheit tun sie dann alles für dich.
Kaffee schwarz.
Im Büro: großformatige Gemälde. Dick gespachtelte Acrylschichten auf Alu. Farbverläufe. Abstrakt. Kunst.
Der drahtige Mann hinter dem riesigen Schreibtisch schält sich aus seinem Ledersessel, geht um den Tisch herum und reicht mir freundlich die Hand.
Ende 50, struppiges graues Haar, Nickelbrille und – eine schwarze Lederjacke, die direkt aus Shaft sein könnte!
Der Spediteur erklärt mir kurz, womit er sein Geld verdient (Transport, Osteuropa) und führt mich dann von Bürowand zu Bürowand, um mir die Bilder zu erklären. Preis: 50 000€. Pro Bild.
Ich bin beeindruckt.
Ehrlich gesagt habe ich noch nie ein Gemälde dieser Preisklasse außerhalb eines Museums gesehen.
Ich zeige ihm meine Arbeiten und Stelle ihm meine Projekte vor.
Dann Smalltalk über Fotografie und Kunst.
Es ist an der Zeit, dass die alten Meister aus den Museen verschwinde und Platz machen für ein zeitgenössisches Medium. Fotografie muss endlich den Sprung von der Technik zur Kunst schaffen.
Meine Bilder schaffen ihn.
Ich bin erstaunt und geschmeichelt gleichzeitig.
Nach 30 wertvollen Minuten der wertvollen Zeit dieses sehr wichtigen Mannes stehe ich wieder in der Empfangshalle.

Die Dame ist weg.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s