Aufzug nach oben

Ein bemerkenswerter Tag.

War in Salzburg, die S-Bahn war stecken geblieben, deshalb surfte ich gelangweilt im Internet.

Mails gecheckt, nichts besonderes.

Kinder hatten Steine auf die Geleise gelegt, die Bahnpolizei überprüfte gerade, wie viele es waren.

Langeweile.

Zufällig in den Spam-Ordner geschaut: Wer hat den Leuten im Internet erzählt, dass ich Potenzprobleme habe? Und wieso bieten sie mir Nacktfotos von meiner Nachbarin an. Meine Nachbarin ist 80. Sowas will ich nicht sehen.

Zwischen Viagra und Porno-Werbung also eine unscheinbare Mail: Bechstein – Fotografien.

Die Mail war von dem Spediteur, er lud mich zum Mittagessen ein – heute, 12:30. Salzburg.

Es war 11:15 und ich steckte in der S-Bahn in die falsche Richtung.

Als um 11:30 der Zug wieder anrollte, beschloss ich, dass die Zeit zu knapp war, um nach Hause zu fahren und mich umzuziehen.

Also ein Geschäftsessen in Jeans und Lederjacke. Künstler dürfen so was.

Der Page am Aufzug schaute ein bisschen komisch, brachte mich jedoch kommentarlos nach oben und wies mir den Weg zum Wintergarten der Dachterrasse. Bechstein saß direkt am Fenster, las Zeitung und ignoriere die fantastische Aussicht mit der Gewohnheit dessen, der öfter an solchen Orten sitzt.

„Danke für die Einladung, Herr Bechstein,“ sagte ich anständig. „Nennen sie mich Art“ meinte er. „Englisch für Kunst?“ fragte ich, „Kurz für Arthur“ sagte er.

Ich war nervös und trank mehr, als ich aß während Art sorgfältig seinen Hummer zerlegte.

Er fragte mich nach meinen weiteren Plänen.

Überwältigt vom Moment antwortete ich: Der Frühling kommt, und ich stehe in der Lobby dieses riesigen Hotels vor einer Reihe von Aufzügen, vor denen 35 Affen in rot-goldenen Pagenuniformen stehen, die darauf warten, mich nach oben zu bringen, immer weiter, vorbei an den Suiten von Königen, Millionären, Spionen und Stars, bis hin zur Landeplattform eines Zeppelins, der lose vertäut, im Frühlingswind tanzt. Auf dem Weg nach oben werde ich viele Bilder machen, laute Musik hören und zu oft über Limetten auf dem Boden leerer Cuba Libre Gläser meditieren.

Tatsächlich sagte ich: Ich werde versuchen, den Sommer in Zeitlupe zu verbringen. Im Herbst tauche ich dann wieder ein in die zynische Welt der Realität.

Keine überragende Perspektive, meinte er, langfristig gesehen.

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