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Die gute Nachricht!

Auf der Haben-Seite sieht es sehr gut aus, ich versuche, ein bisschen Struktur rein zu bringen.

1. Horizonterweiterung in der Theorie

Sich ein Jahr lang mit verschiedensten Ideen zu beschäftigen erweitert den Horizont ungemein. Im letzten Jahr habe ich Bücher zu verschiedensten Themen gelesen, Erfolgsratgeber, Wirtschaftsbücher, Marketingbücher, medizinische Fachliteratur, Computerliteratur, Literatur zum Thema Grafik, Design, Fotografie, Literatur über die Produktion von Literatur, etc. etc.

Ich lese gerne und empfinde daher natürlich Lesen nicht als Arbeit. Sieht ein Fußballspieler oder einen weltklasse Schifahrer das tägliche Training als Arbeit? Sicher nicht als Arbeit im herkömmlichen Sinne.

Wie wichtig eingehende Recherche ist, wurde spätestens deutlich, als ich das Skelett geschenkt bekam: Ich hätte es für ca. 10 000€ verkaufen können, Recherche brachte allerdings ans Tageslicht, dass der Fall nicht so einfach war, wie es zunächst aussah. Erst die intensive Beschäftigung brachte ans Licht, dass es neben der finanziellen Dimension (immerhin 10 000€) auch noch eine legale Dimension (ist der Handel mit menschlichen Überresten legal?) gibt – geschweige denn eine moralische Dimension.

In Mali wird beim Handel mit menschlichen Überresten übrigens die Todesstrafe verhängt.

2. Horizonterweiterung in der Praxis

Gespräche mit Unternehmern – sozusagen der Übergang zwischen Theorie und Praxis – sind mitunter sehr erhellend. Berichte darüber, wie es in der „freien Wirtschaft“ tatsächlich zu geht, bringen einen sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurück (in meinem Fall, wenn es sich um die Eintragung von Markenrechten handelt und um die Veräußerung/Entwicklung von medizinischen Produkten, die einer finanziell aufwändigen Prüfung stand halten müssen).

Nicht zu vergessen: Einen Roman zu schreiben ist ein Abenteuer (Hotdogs & Hamburger), einen zweiten zu schreiben ein Erlebnis (Jet Stream). Einen Roman zu vermarkten ist schwierig, aber nicht unmöglich.

Viele Menschen, denen ich von meinen beiden Romanen erzähle, sage übrigens irgendetwas in der Art von „Einen Roman schreiben wollte ich auch schon immer mal.“ Warum tun sie es dann nicht?

Ach ja, ein Drehbuch zu schreiben ist auch eine interessante Erfahrung, anders als beim Roman. Die Vermarktung ist noch schwieriger.

Praxis zu guter Letzt: Ich habe – neben der Musik – eine Möglichkeit gefunden, mich selbst auszudrücken. Durch die Fotografie. Netter Nebeneffekt hierbei ist der Verkauf meiner Bilder.

3. Bereicherung der eigenen Biografie

Mit dem konkreten Ziel vor Augen – 1 Jahr, 1 Million, habe ich witzige Sachen erlebt: Der Motivationskongress, diverse Vorstellungsgespräche, das Skelett im Schrank – und dann wieder Ruhephasen wie Frühstück mit Lukas und Kinderbetreuung im Wendehammer.

Und die vielen Bandproben, bei denen es immer genügend Gesprächsstoff gab 🙂

Klares Highlight: Die Vernissage mit Ausstellung

4. das Materielle

Zugegeben, das ursprüngliche Ziel – 1 Million – wurde nicht erreicht. Aber…

In diesem Jahr habe ich geschenkt/sehr günstig bekommen: 1 Schlagzeug, komplett, 1 Digidrum, 1 Skelett, viele, viele Bücher, davor: 1 Großkühlschrank mit Aufdruck „Erdinger Weißbier alkoholfrei“, 4 Kinostühle inkl. Samtüberzug, diverse Flaschen Whisky, Schlagzeugbecken, das ich jedoch wieder zurückgeschickt habe, 1 Hi-Hat, 1 Digitale Spiegelreflexkamera (auf die Vollformatkamera warte ich noch), ich wurde relativ oft relativ gut  zum Essen eingeladen und, schließlich und endlich, ich habe doch eine hübsche Summe durch den Verkauf meiner Bilder eingenommen. Die wird jetzt in einen USA-Urlaub investiert (am 19. April geht’s los).

Was ich mit dem Rest mache?

Entweder ich investiere konventionell in unser Eigenheim… oder ich kaufe mir ein paar der schönen Dinge, die ich anfangs auf meiner Wunschliste hatte.

Den Porsche streiche ich lieber, ich befürchte, da macht Isi nicht mit. Außerdem würde der gar nicht zu mir passen. Das wäre dann nicht authentisch 😉

Fazit: Ein Mittel zur Selbstverwirklichung gefunden (Fotografie/Kunst), das auch noch lukrativ ist. Was will man mehr?!?

Und meine Freunde habe ich immer noch.


Japanische Enten

Kontostand:                  -2888,68

Ausgaben:                     5,99

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Verwendungszweck:       Du bist, was du zeigst! Erfolg durch Selbstinszenierung

Ich spazierte gern einfach so in der Gegend herum. Man findet witzige Sachen, wenn man die Augen ein wenig offen hält.

Ich selbst fand auch gerne Sachen, und wenn ich ging, versuchte ich immer mit einem Auge auf den Boden zu schauen. Bisher habe ich eine große Anzahl kleiner Münzen gefunden, eine Muschel in Form einer Erdbeere, einige Einkaufs- und Notizzettel und sogar einmal einen goldenen Füllfederhalter, den ich jedoch auf dem Weg ins Fundbüro wieder verlor. Einmal fand ich die Seite eines Buches am Straßenrand und ich bückte mich, um besser sehen zu können. Es war der Anfang der zweiten Szene von Shakespeares Sommernachtstraum – ich las die ganze Seite. Als ich wieder aufsah, bemerkte ich eine Frau, die mich entgeistert anstarrte. „Ach, Sie lesen. Zuerst habe ich gedacht, Sie beobachten Ameisen!“

Mein Lieblingsplatz war der Botanische Garten auf der anderen Seite des Parks. Im Winter sah er zwar ein wenig trostlos aus, und man konnte fast schon durch den Pavillon, in dem die Pflanzen waren, hindurch sehen, im Frühling jedoch, wenn alles zu Blühen anfing, war es herrlich dort. Magnolien, Orchideen und all die anderen exotischen Gewächse gingen alle fast gleichzeitig auf, und wenn man dann im Pavillon herumging, war es wie wenn man durch eine Cumuluswolke wanderte, und vom Duft der Blumen wurde man ganz benebelt. Wenn dann die Kirschen zu blühen begannen, kamen die Leute in Scharen hier her und ließen sich im Sonntagsanzug vor den Bäumen fotografieren. Kinder sprangen überall herum und es wurde richtig voll hier. Im Teich im Japanischen Garten schwammen Enten herum und baten die Besucher mit fernöstlichem „Quak, Quak“ darum, sie zu füttern.

Habe ein Buchbestellt: Du bist, was du zeigst!: Erfolg durch Selbstinszenierung von Cristián Gálvez (Taschenbuch – 1. November 2007) EUR 2,99

Bis das Buch da ist werde ich noch weiter an Jet Stream schreiben.

Macht zumindest Spaß 🙂


Flugzeuge im Landeanflug

Kontostand:                  -2882,69

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Verwendungszweck:       –

Der Stadtteil, in dem ich lebte, hatte die eigenartige Form eines Flecks auf einem sauberen Hemd. Wenn mich jemand fragte wo ich denn wohnte, wusste ich eigentlich nie so richtig, was ich sagen sollte. Das Viertel lag direkt in der Biegung des Flusses, die Brücke diente als Ein- und Ausfallstraße, als Hauptachse. Die Leute in diesem Viertel beschrieben, wo sie wohnen, nicht indem sie sich auf die Himmelsrichtungen bezogen, sondern benutzten Straßenkreuzungen, markante Punkte und die nächste U-Bahn-Station um zu erklären, wo sie lebten. So wohnte ich am Rande des Parks, der bis zum Fluss reicht. Flugzeuge im Landeanflug flogen manchmal direkt über unser Haus hinweg: An sonnigen Tagen konnte man alle paar Minuten den scharf umrissenen Schatten eines Flugzeugs eine Wand hinunter und noch bevor man zwinkern kann das gegenüberliegende Gebäude wieder hinauf schlittern sehen. Man kann das Haus, in dem ich wohnte sogar vom Flugzeug aus sehen – es war der vordere Teil eines Mietshaus-Komplexes, der direkt neben dem Park stand. Der graue Putz war schon ein wenig herunter gekommen und der Innenhof sah ebenfalls aus, als hätte er schon bessere Zeiten erlebt.

Wenn mich jemand fragte, was es in diesem Viertel besonderes gab, dann antwortete ich „Pizza“. Denn bei uns gab es die beste Pizza der Stadt – und ich war ziemlich kritisch im Beurteilen von Pizza. Ganz am untersten Ende meines Bewertungssystems stand eine Pizza, die ich einmal im Restaurant eines Museums gegessen hatte, sie fiel seitdem in die Kategorie „Museums-Pizza“. Das Mittelfeld belegte eine Pizza, die ganz in Ordnung war, und die ich im Tierpark gegessen hatte, Zoo-Pizza nach meiner Wertung. Ganz oben allerdings, ungeschlagen, stand die Pizza der Kneipe zwei Straßen weiter: Rickett’s-Pizza, die sinnigerweise nicht von einem italienischen Gourmet fabriziet, sondern von einem Iren gebacken wurde.

Die U-Bahn, an der ich wohnte, war die Linie C. Sie verlief direkt unter unserem Gebäude und sorgte dafür, dass in meinem Zimmer alles wackelte, was nicht niet- und nagelfest war, immer wenn ein Zug unten durchfuhr. Gleich nach meiner Haltestelle kam die U-Bahn aus einem Tunnel ins Freie und überquerte auf einer Brücke den Fluss. Auf dieser Strecke, hörte sich der Zug ganz anders an – leichter und ruhiger – im Tageslicht. Von den Gleisen auf der Brücke aus, die etwas höher lagen als die Umgebung, hatte man einen ziemlich guten Blick auf unseren Stadtteil. Die Dächer der Häuser zogen sich den Hügel hinauf bis in die Innenstadt und man konnte eine ganze Menge Graffiti sehen und Neonschilder und die Flachdächer der Fabriken auf der anderen Seite des Flusses, auf denen die Möwen auf einem Bein balancierten. Da standen Container herum, riesige Rohre und Holzpaletten, und große Förderbänder führten zum öligen Wasser des Flusses hinunter. Am manchen Tagen schwammen sogar Blasen auf dem schmierigen Schlamm des Flusswassers, allerdings nicht allzu oft. Wenn die Türen an der Haltestelle auf der anderen Seite kurz aufgingen konnte man den Bootsanlegeplatz sehen. Dieser Abschnitt war der höchste Punkt der U-Bahnstrecke der Stadt und im Süden konnte man an schönen Tagen die Berge erkennen und Flussabwärts die anderen Brücken zählen. Für wenige Sekunden war sogar der Rathausturm im Blickfeld zwischen den vorbeirauschenden Gebäuden. Man erhaschte Blicke der vorbeiziehenden Nachbarschaft: Wäsche auf der Leine, eine Satellitenschüssel, ein Swimming-Pool, das Viereck einer Wiese in einem Garten. Gleich darauf tauchte der Zug wieder unter. Über der Wand kurz vor dem Tunnel stand schon seit Jahren der Name eines Graffiti-Künstlers, der sich Rhino nannte.

Ich glaube, ich habe schon Jahre auf dieser Linie verbracht.

Die Gerüche in unserem Viertel: Kaffee, Nagellack, Eukalyptus, der Dampf einer Schnellreinigung, Chinesische Küche. Eine Bekannte, die einmal im Hinterhaus gewohnt hatte, sagte mir, sie ziehe aus, weil sie den Geruch nicht ertrage. Mir ging es genau anders: Ich mochte es, an einem Ort zu wohnen, der so roch wie die Leute, die hier lebten. Manchmal wachte ich morgens von Kaffeeduft auf und konnte nicht genau feststellen, wer es war, der gerade frühstückte.

In diesem Stadtteil versammelten sich alle: Die Italiener saßen in den Cafés und sahen sich die Leute auf der Straße an, am St. Patrick´s Day zogen grün angezogene Iren durch die Straßen und feierten, und ich habe schon Japaner gesehen, die einen Verkehrsstau verursachten, weil sie eine Möwe auf einem Steinlöwen fotografieren wollten.

An Sommertagen vibrierte der Park von verschiedenen Geräusche: die hohen Töne waren Kinder, die schreiend im Springbrunnen planschten, die mittleren Töne stammten von den Radios und Straßenmusikern und die Basstöne kamen von den vorbeifahrenden Autos. Die Leute brachten Gartenstühle, Volleyballnetze und Kühltaschen mit und grillten im Park bis der Geruch von Holzkohle das ganze Viertel überzog.

Nicht weit entfernt befand sich ein Heim für Obdachlose, von denen manchmal welche auf den Bänken im Park schliefen, und Tim und Edgar übernachteten sogar regelmäßig im Gang unseres Hauses. Einmal bat mich eine meiner Mitbewohnerinnen, die beiden zu vertreiben, als sie es sich im Durchgang zum Hinterhof bequem gemacht hatten. ohne sich zu beschweren standen sie auf, packten ihre Sachen und entschuldigten sich sogar noch im Weggehen – ich hatte ein enorm schlechtes Gewissen, und von da an sagte ich jedesmal, wenn ich sie traf, „Hi“ zu ihnen und warf ihnen ein paar Münzen in den Hut. Mittlerweile sah ich sie fast jeden Tag auf der Bank vor dem Park sitzen oder vor dem Zeitungsladen. Einmal kam jemand in den Waschsalon und wollte eine Liste aufhängen, auf der Unterschriften gesammelt wurden für eine Petition, die den Obdachlosen verbieten sollte, sich in unserem Viertel aufzuhalten. Zu meiner Überraschung jedoch, und zu seiner, brachte ihm das ziemlichen Ärger ein und die Leute im Waschsalon machten ihm nachdrücklich klar, er solle verschwinden. „Ich schätze, bloß weil sie arm sind, brauchen sie auch keinen Platz zum schlafen, wie?“ meinte eine Frau, als sich der Mann davon machte.


Die Sonne ist nicht mein Feind

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Dem Morgen graut.

Die Vöglein plärren.

Heiß brennt die Sonne hernieder.

Die Nacht durchgeschrieben: Jet Stream.

Um die Gespinster der Nacht zu vertreiben bin ich ziellos umhergewandert (seit ich Nackte Kanone Teil 1 gesehen habe, wollte ich diese Redewendung schon immer mal verwenden. Hiermit geschehen 😉 ).

Zuerst am Flohmarkt gewesen: Wo sind nur die ganzen normalen Menschen? Lauter Wahnsinnige unterwegs. Sowohl Käufer als auch Verkäufer.

Flucht in die Natur.

Manchmal sind Kühe die besseren Menschen.

Ich bin ein begnadeter Kuhfotograf.

BTW: Habe mir als Jubiläumsgeschenk einen neuen Domainnamen gegönnt: http://www.Mission1Million.de – um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren 🙂

Heute Nacht/morgen (Feiertag!) werde ich wohl weiter schreiben an Jet Stream.

Am 4. Oktober (kein Feiertag!) werde ich dann überlegen, ob Literatur brotlose Kunst ist.

(das Kuhorakel sagt: ja!)


Freibad

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Heute Nachmittag war ich im Freibad. Das hatte zwar schon geschlossen, aber das Wetter war schön, das Wasser noch in den Becken und außer mir keine Menschenseele im Bad.

Das Jahr des Sommers. Er war endlich da. Nicht irgendein Sommer, sondern der Sommer des Jahrhunderts. Der Sommer, auf den jeder gewartet hatte. Die Sonne brannte von einem Himmel herunter, der die ausgewaschene Farbe von Jeans hatte. Überall waren die Rasenmäher zu hören, das Lachen von Kindern, die unter Sprinkleranlage durchliefen, Rollerblades auf dem Asphalt und im Radio die Wettervorhersage, die sich eine Schlacht mit dem neusten Sommerhit lieferte. In der trockenen Hitze roch es förmlich nach Gewitter, das für Abkühlung sorgen sollte, sich aber beständig weigerte zu kommen. In der Zwischenzeit wurde das Leben jedoch bestimmt von Kühlen Getränken mit Eiswürfeln und Orangenscheibchen am Rand. Es war ein Sommer wie aus dem Bilderbuch, ein Leben, wie man es sich nur wünschen konnte.

Ich war schon eine Ewigkeit nicht mehr in dem Freibad gewesen, in das wir als Kinder fast jeden Tag gegangen waren. Ich erinnerte mich an die Zeit, als meine Freunde und ich am ersten Tag der Saison in dieses Freibad gingen und es am letzten Tag der Saison als letzte wieder verließen. Ich roch das gechlorte Wasser und empfand den Duft als angenehm, hörte das Gewirr von Kinderstimmen und lächelte bei dem Gedanken an diese vergangene Zeit. Die Sonne auf meiner Haut tat gut und mein Rücken war gespannt von den ewigen Nachmittagen auf der Wiese auf der anderen Seite der Brücke über dem Bach, der das Freibad in zwei Hälften teilt.

Für 1,50 konnte man damals am Kiosk eine Portion Pommes Frites bekommen. In einer dreieckigen Tüte, bei der sich in der Spitze das Ketchup sammelte und das Papier durchweichte. Von Chlor und Sonne waren meine Haare gebleicht und meine Augen rot. Das Gras prickelte auf meiner Haut, als ich mich ohne Strandmatte auf die Wiese legte. Ich wackelte mit den Zehen, wenn mich Fliegen an den Füßen kitzelten und fuhr mir mit der Zunge über die Lippen, die von der Sonne ausgetrocknet und spröde waren.

Ein Blick auf die Uhr – und ich bemerkte, dass sie stehengeblieben war. Schon seit ein paar Tagen gaben sich die Zeiger meiner Uhr nur noch spärlichen Zuckungen hin, und ich hatte mir schon längst vorgenommen, die Batterie zu ersetzen. Und nun war es so weit: Mein Zeiteisen hatte eine wichtige Eigenschaft verloren, nämlich die, die Zeit anzuzeigen. Das hieß, von nun an war ich auf andere Uhren angewiesen, aber da gab es ja genug Auswahl: Bahnhofsuhren, Uhren in Kneipen, Kirchturmuhren, Uhren an öffentlichen Plätzen, die Uhr im Freibad und was es sonst noch alles gibt, und zur Not kann man ja jemanden nach der Uhrzeit fragen, denn wer hat heutzutage schon keine Uhr.

Praktisch befindet sich an jedem Ort eine Uhr, und ich wette, dass man in seinem ganzen Leben, egal, wo man sich gerade befindet, nie mehr als zwei Meter von der nächsten Uhr entfernt ist. Wahrscheinlich sind sogar schon die Eingeborenen am Amazonas mit einer Timex ausgestattet, und es könnte durchaus sein, dass Mr. Armstrong auf dem Mond bei einer technischen Reparatur seiner Rakete zufällig seine Weltraumuhr verloren hat. Wie lautete gleich der Werbespruch für Alien? „Im Weltraum hört dich niemand schreien!“ na ja, schreien vielleicht nicht gerade, aber wenn es eine echte Breitling war, dann tickt sie wohl heute noch. Es ist eigentlich nicht traurig, sondern eher schon wieder komisch: Von dem Augenblick  an, an dem wir das Licht der Welt erblicken, bis hin zu unserem Tod, wird unser ganzes Leben, das dazwischen liegt, von der Zeit bestimmt. Die Umdrehungen der Erde, der Sonne und des Mondes beeinflussen den täglichen und jährlichen Rhythmus von Hell und Dunkel, von Sommer und Winter und sogar den des Körpers: Wachen, Schlafen, Essen, alles richtet sich nach dem Rhythmus der Zeit. Und Dank dem Fortschritt der Wissenschaft ist die Messung dieser Zeit seit Erfindung der ersten Sonnenuhr immer präziser und gnadenloser geworden: Von Jahren zu Monaten zu Tagen zu Stunden zu Minuten zu Sekunden und zu Nanosekunden. Es gibt keine Entschuldigung dafür, wenn man einmal gerade nicht weiß, wie viel Uhr es ist. Jeder Zeitpunkt ist genau festgehalten. Und wir haben uns auch noch darauf eingelassen.

Wir haben die Uhrzeit erfunden, um danach leben zu können. Sie sagt uns, wann wir morgens aufstehen müssen, wann in der Arbeit, und in meinem Falle, wann ich heute bei Mark zu spielen hatte. Wir leben auf einem Planeten, der in Wirklichkeit ein riesiger Terminkalender ist, mit eingebauter Digitaluhr, versteht sich.

Aber bei aller Präzision unserer Zeitrechnung, so erfüllt diese Uhr ihre Aufgabe doch durchwegs unexakt: Augenblicke, in denen man etwas Unangenehmes erlebt dauern ewig. Zum Beispiel die Zeit, welche die morgendliche Dusche braucht, um endlich das herabregnende kalte Wasser durch warmes zu ersetzen. Glücksmomente jeglicher Art hingegen vergehen grundsätzlich viel zu schnell, wie die unmessbar kurze Zeit purer geschmacklicher Verzückung beim Trinken von Diet-Coke, bis der fade Nachgeschmack einsetzt.

Ich glaube, das mit der Erfindung der Uhr war der größte Fehler der Menschheit neben der Erfindung von Diet-Coke. Hätten wir uns nicht selbst die Last der Zeitrechnung auferlegt, wer weiß, vielleicht würden die angenehmen Momente des Lebens dann länger dauern. Aber, ich befürchte, die meisten Menschen würden das gar nicht wollen. Sie sind wahrscheinlich zufrieden mit der Zeit und so wie sie eingeteilt ist. So braucht man sich wenigstens nicht selbst auch noch Gedanken zu machen, wie lange dieser und jener Moment dauern soll. Da ist es schon besser, wenn man etwas hat, das einem sagt, wann man aufstehen muss. Und schließlich soll es ja doch Menschen geben, die den Geschmack von Diätlimonade mögen. Ich jedenfalls würde mich freier fühlen, wenn ich nicht jeden Morgen sicherheitshalber fünf Minuten das Wasser laufen lassen müsste, bevor ich mich in die Dusche wagen kann.

Hier im Freibad hatte sich so einiges verändert. Um düstere Gedanken zu vertreiben, zog ich die Schuhe aus und ging ein wenig barfuß umher, bis mir die Fußsohlen weh taten – im Gegensatz zum angenehm kühlen Gras waren die Pflastersteine neben den Becken trotz des Wassers, das sie dunkel färbte, so heiß, dass ich glaubte, meine Füße würden jeden Moment getoastet werden. Um für Abkühlung zu sorgen, setzte ich mich an den Beckenrand und ließ die Beine ins Wasser baumeln. Drei Kinder machten sich einen Spaß daraus, vom Sprungturm aus gezielt Leute anzuspritzen, die den Fehler begingen, zu nahe am Becken vorbei zu gehen. Als mich einer der drei so provokant sitzen sah und gleich darauf mit den anderen verdächtig zu tuscheln begann, wobei er in meine Richtung zeigte, ergriff ich kurzerhand die Initiative und sprang freiwillig ins Wasser.

Wie ich es in meiner Kindheit getan hatte, tauchte ich zunächst an der tiefsten Stelle des Beckens zum Boden, hob anschließend das Eisengitter des Abflusses heraus, um es als Ballast zu benutzen und setzte mich im Schneidersitz auf den Boden. Das Chlor brannte in meinen Augen aber ich ließ sie offen. Von hier unten sahen die Beine der Leute, die über mich hinweg schwammen lustig aus, mit ihren Schwimmstößen wie übergroße Frösche. Sogar das Geschrei der Jungs am Beckenrand konnte ich noch hören, allerdings war es jetzt mehr ein undeutliches Geblubbere. Eines der Kinder sprang wieder ins Wasser und ich bekam so einen Schrecken, dass ich glaubte, mein Herz sei für einige Schläge stehen geblieben. In den Luftblasen, die der Junge nach unten zog, während er seine Bombe machte, war ich mir sicher, das Gesicht des Mädchens zu sehen, das mich überall hin verfolgte, wie es schien. Kleinere Bläschen, die nach oben stiegen, sahen sogar aus wie Regentropfen. Ich geriet in Panik, ließ das Gitter fallen, ohne es wieder in die richtige Position zu rücken und schwamm an die Oberfläche. Am Beckenrand prustete ich und hörte mein Herz im Kopf klopfen. Trotz der Hitze hatte ich plötzlich eine Gänsehaut; nicht ganz so lässig wie ich hinein gesprungen war, kletterte ich wieder aus dem Becken heraus.

Um alte Erinnerungen aufzufrischen ging ich in das Café des Schwimmbads, doch ich wurde mit einer Enttäuschung konfrontiert: Es gab weder Pommes Frites, noch die Gummibärchen, die ich als Kind dort immer gegessen hatte. Als Entschädigung gönnte ich mir einen Cappuccino in der Sonne, um meine Laune und meinen Koffeinspiegel wieder etwas zu heben. Während ich auf der Terrasse saß und die Menschen im blauen Schwimmbecken unter mir beobachtete, setzte sich ein Mädchen zu mir an den Tisch. „Entschuldigung, kennen wir uns nicht?“ Sie hatte ein hübsches Gesicht und dunkle Augen und war wahrscheinlich jünger als sie aussah. „Netter Versuch“, antwortete ich und lachte. „Nein, ich meine wirklich“, beharrte sie, doch sie kam mir immer noch nicht bekannt vor, weshalb ich antwortete: „Ich wüsste nicht woher.“ – „Wir waren einmal Nachbarn“, sagte sie und hob dabei die Augenbrauen, wie um mich durch ihre Mimik davon zu überzeugen. Trotzdem konnte ich mich nicht erinnern. Enttäuscht atmete das Mädchen tief durch und begann zu erklären: „Wir haben vor ein paar Jahren im Haus neben euerem gewohnt. Ich hab dich immer auf dem Weg zur Schule gesehen.“ Schön langsam fiel der Groschen: Etwa ein Jahr lang hatte der Besitzer des Cafés neben uns gewohnt. Er hatte zwei Söhne und ich unterhielt mich wahrscheinlich gerade mit seiner Tochter. Sie bestätigte diese These: „Meinem Vater gehört das Café. Meine Mutter arbeitet in der Küche, der Kellner da drüben ist einer meiner Brüder und ich bediene auch hier.“ – „Ein richtiger Familienbetrieb, was?“ Sie zuckte die Schultern „Könnte man sagen.“ Dann sah sie mich mit einem Lächeln an. „Wie viele seid ihr in eurer Familie?“ Ohne zu überlegen antwortete ich: „Ich.“ – „Nur du? Und deine Geschwister? Deine Eltern?“ Die Antwort schien sie zu verblüffen, was ich eigentlich gar nicht verstehen konnte. Sie sah mich an als wäre ich von einem anderen Planeten, und so sah ich mich genötigt, zu erklären: „Meine Eltern sind tot. Ich habe keine Geschwister.“ – „Du bist ein Einzelkind?“ Im wahrsten Sinne des Wortes. „Wenn man keine Geschwister hat, ist man immer ein Einzelkind.“ Sie legte die Stirn in Falten. „Keine Onkel oder Tanten?“, fragte sie nach kurzem Zögern. „Wir haben den Kontakt verloren.“ Ich nahm einen Schluck von meinem Cappuccino, um mir weitere Ausführungen zu ersparen. „Sonst auch niemand?“, bohrte sie nach. – „Nein“, enttäuschte ich sie, „keine Verwandtschaft.“ Ich konnte dem Mädchen ansehen, wie ihr Gehirn arbeitete. „Wow. Ist das nicht ein seltsames Gefühl?“, meinte sie schließlich. „Was?“ – „Zu wissen, dass es keinen kümmert, was du gerade treibst. Du könntest vom Erdboden verschwinden und es würde keinem auffallen, was?“ Als sie merkte, was sie gerade gesagt hatte, sah sie verlegen zu Boden. „Denke selten darüber nach“, half ich ihr aus der Patsche. „Ein Einzelgänger also.“ – „Ich schätze“, meinte ich trocken. „Oh Mann, ist das traurig.“ Ich sah schon, wo mich dieses Gespräch hinführte und ich wollte da nicht hin – weil ich die Routine desselben Gesprächs in den letzten Jahren schon zu oft gehabt hatte. Sobald bei meinem Gesprächspartner Mitleid aufkam, bedeutete dies immer, dass ich von meinen Eltern erzählen musste. Ein Thema, dem ich gerne aus dem Weg ging.

Meine Eltern waren vor ein paar Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Seit dem hatte ich versucht, damit leben zu lernen

Ich trank meinen Cappuccino aus und stand auf. „Vielleicht sehn wir uns mal wieder“, sagte sie. „Ja, vielleicht“, antwortete ich und ging, was zugegeben nicht gerade höflich war, doch ich hatte einfach keine Lust auf diese Art von Konversation. Dazu kam ein gewisses Schuldgefühl dem Mädchen gegenüber, denn wenn ich mit ihr sprach, dann sah ich in die Augen der Anhalterin. Irgendwie musste ich sie aus meinem Kopf wieder los werden.

Nach diesem wenig ergiebigen Gespräch ging ich zu den Duschen hinüber und ließ für über eine halbe Stunde das Wasser auf mich herunter prasseln bevor ich endlich widerwillig die angenehme Kühle verließ. Als ich aus dem Duschraum kam, stand der Bademeister davor. „Es war sicher nur ein Versehen“, meinte er während ich mir die Haare trocken rieb, „davon gehe ich aus. Aber ich wäre ihnen dankbar, wenn sie das Bad verließen.“

Das war eine herbe Überraschung zumal ich mir keiner Schuld bewusst war. Der Bademeister drehte sich um und ging, noch bevor ich etwas entgegnen konnte. „Und falls sie wieder einmal hier her kommen, benutzen sie die Herrendusche.“ Ich sah mich um, doch außer mir war niemand im Duschraum. Das Handtuch um die Hüften geschlungen packte ich meinen Rucksack und ging schnell nach draußen, wo mich eine Handvoll älterer Damen erwartete, die mich missbilligend ansahen. Erst jetzt erkannte ich, dass die Duschen offensichtlich umgebaut worden waren. Wo früher ein einziger großer Herrenduschraum gewesen war, befand sich jetzt eine Reihe kleinerer Duschräume, die eine Hälfte für Frauen, die andere für Männer. Und wie es der Zufall so wollte, war ich natürlich in den falschen gegangen. Es war mir so peinlich, dass ich nicht einmal wusste, was ich zu meiner Verteidigung hätte sagen können. So setzte ich ein Lächeln auf, das irgendwie entschuldigend aussehen sollte, das die Damen jedoch in keiner Weise beeindruckte. Statt dessen sahen sie mich nur noch wütender an und gingen dann zusammen in die Dusche, wobei sie die Köpfe schüttelten und schimpften.

Lediglich zwei Mädchen lächelten mich an, klopften mir auf die Schulter und riefen „Du hast uns den Tag gerettet!“ Ich merkte, wie ich rot wurde und grinste. Gleich drehten sich die alten Frauen um und warfen mir diesmal richtig hasserfüllte Blicke zu, die mir jedoch nichts mehr ausmachten.

Auszug aus Jet Stream.