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Flugzeuge im Landeanflug

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Der Stadtteil, in dem ich lebte, hatte die eigenartige Form eines Flecks auf einem sauberen Hemd. Wenn mich jemand fragte wo ich denn wohnte, wusste ich eigentlich nie so richtig, was ich sagen sollte. Das Viertel lag direkt in der Biegung des Flusses, die Brücke diente als Ein- und Ausfallstraße, als Hauptachse. Die Leute in diesem Viertel beschrieben, wo sie wohnen, nicht indem sie sich auf die Himmelsrichtungen bezogen, sondern benutzten Straßenkreuzungen, markante Punkte und die nächste U-Bahn-Station um zu erklären, wo sie lebten. So wohnte ich am Rande des Parks, der bis zum Fluss reicht. Flugzeuge im Landeanflug flogen manchmal direkt über unser Haus hinweg: An sonnigen Tagen konnte man alle paar Minuten den scharf umrissenen Schatten eines Flugzeugs eine Wand hinunter und noch bevor man zwinkern kann das gegenüberliegende Gebäude wieder hinauf schlittern sehen. Man kann das Haus, in dem ich wohnte sogar vom Flugzeug aus sehen – es war der vordere Teil eines Mietshaus-Komplexes, der direkt neben dem Park stand. Der graue Putz war schon ein wenig herunter gekommen und der Innenhof sah ebenfalls aus, als hätte er schon bessere Zeiten erlebt.

Wenn mich jemand fragte, was es in diesem Viertel besonderes gab, dann antwortete ich „Pizza“. Denn bei uns gab es die beste Pizza der Stadt – und ich war ziemlich kritisch im Beurteilen von Pizza. Ganz am untersten Ende meines Bewertungssystems stand eine Pizza, die ich einmal im Restaurant eines Museums gegessen hatte, sie fiel seitdem in die Kategorie „Museums-Pizza“. Das Mittelfeld belegte eine Pizza, die ganz in Ordnung war, und die ich im Tierpark gegessen hatte, Zoo-Pizza nach meiner Wertung. Ganz oben allerdings, ungeschlagen, stand die Pizza der Kneipe zwei Straßen weiter: Rickett’s-Pizza, die sinnigerweise nicht von einem italienischen Gourmet fabriziet, sondern von einem Iren gebacken wurde.

Die U-Bahn, an der ich wohnte, war die Linie C. Sie verlief direkt unter unserem Gebäude und sorgte dafür, dass in meinem Zimmer alles wackelte, was nicht niet- und nagelfest war, immer wenn ein Zug unten durchfuhr. Gleich nach meiner Haltestelle kam die U-Bahn aus einem Tunnel ins Freie und überquerte auf einer Brücke den Fluss. Auf dieser Strecke, hörte sich der Zug ganz anders an – leichter und ruhiger – im Tageslicht. Von den Gleisen auf der Brücke aus, die etwas höher lagen als die Umgebung, hatte man einen ziemlich guten Blick auf unseren Stadtteil. Die Dächer der Häuser zogen sich den Hügel hinauf bis in die Innenstadt und man konnte eine ganze Menge Graffiti sehen und Neonschilder und die Flachdächer der Fabriken auf der anderen Seite des Flusses, auf denen die Möwen auf einem Bein balancierten. Da standen Container herum, riesige Rohre und Holzpaletten, und große Förderbänder führten zum öligen Wasser des Flusses hinunter. Am manchen Tagen schwammen sogar Blasen auf dem schmierigen Schlamm des Flusswassers, allerdings nicht allzu oft. Wenn die Türen an der Haltestelle auf der anderen Seite kurz aufgingen konnte man den Bootsanlegeplatz sehen. Dieser Abschnitt war der höchste Punkt der U-Bahnstrecke der Stadt und im Süden konnte man an schönen Tagen die Berge erkennen und Flussabwärts die anderen Brücken zählen. Für wenige Sekunden war sogar der Rathausturm im Blickfeld zwischen den vorbeirauschenden Gebäuden. Man erhaschte Blicke der vorbeiziehenden Nachbarschaft: Wäsche auf der Leine, eine Satellitenschüssel, ein Swimming-Pool, das Viereck einer Wiese in einem Garten. Gleich darauf tauchte der Zug wieder unter. Über der Wand kurz vor dem Tunnel stand schon seit Jahren der Name eines Graffiti-Künstlers, der sich Rhino nannte.

Ich glaube, ich habe schon Jahre auf dieser Linie verbracht.

Die Gerüche in unserem Viertel: Kaffee, Nagellack, Eukalyptus, der Dampf einer Schnellreinigung, Chinesische Küche. Eine Bekannte, die einmal im Hinterhaus gewohnt hatte, sagte mir, sie ziehe aus, weil sie den Geruch nicht ertrage. Mir ging es genau anders: Ich mochte es, an einem Ort zu wohnen, der so roch wie die Leute, die hier lebten. Manchmal wachte ich morgens von Kaffeeduft auf und konnte nicht genau feststellen, wer es war, der gerade frühstückte.

In diesem Stadtteil versammelten sich alle: Die Italiener saßen in den Cafés und sahen sich die Leute auf der Straße an, am St. Patrick´s Day zogen grün angezogene Iren durch die Straßen und feierten, und ich habe schon Japaner gesehen, die einen Verkehrsstau verursachten, weil sie eine Möwe auf einem Steinlöwen fotografieren wollten.

An Sommertagen vibrierte der Park von verschiedenen Geräusche: die hohen Töne waren Kinder, die schreiend im Springbrunnen planschten, die mittleren Töne stammten von den Radios und Straßenmusikern und die Basstöne kamen von den vorbeifahrenden Autos. Die Leute brachten Gartenstühle, Volleyballnetze und Kühltaschen mit und grillten im Park bis der Geruch von Holzkohle das ganze Viertel überzog.

Nicht weit entfernt befand sich ein Heim für Obdachlose, von denen manchmal welche auf den Bänken im Park schliefen, und Tim und Edgar übernachteten sogar regelmäßig im Gang unseres Hauses. Einmal bat mich eine meiner Mitbewohnerinnen, die beiden zu vertreiben, als sie es sich im Durchgang zum Hinterhof bequem gemacht hatten. ohne sich zu beschweren standen sie auf, packten ihre Sachen und entschuldigten sich sogar noch im Weggehen – ich hatte ein enorm schlechtes Gewissen, und von da an sagte ich jedesmal, wenn ich sie traf, „Hi“ zu ihnen und warf ihnen ein paar Münzen in den Hut. Mittlerweile sah ich sie fast jeden Tag auf der Bank vor dem Park sitzen oder vor dem Zeitungsladen. Einmal kam jemand in den Waschsalon und wollte eine Liste aufhängen, auf der Unterschriften gesammelt wurden für eine Petition, die den Obdachlosen verbieten sollte, sich in unserem Viertel aufzuhalten. Zu meiner Überraschung jedoch, und zu seiner, brachte ihm das ziemlichen Ärger ein und die Leute im Waschsalon machten ihm nachdrücklich klar, er solle verschwinden. „Ich schätze, bloß weil sie arm sind, brauchen sie auch keinen Platz zum schlafen, wie?“ meinte eine Frau, als sich der Mann davon machte.

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